Mastodon – „Marrow Deep“ (VÖ: 28.08.2026)
Mastodon – und nicht minder ihre Fans – hatten es im letzten Jahr alles andere als einfach. Nach 25 Jahren trennte man sich von Leadgitarrist und Co-Leadsänger Brent Hinds. Einige Monate später verstarb der eigenwillige Saitenvirtuose bei einem Motorradunfall. Es scheint sich in der Historie der Prog-Giganten bittererweise durchzuziehen, dass neue Alben mit schweren Schicksalsschlägen einhergehen.
Zum ersten Mal seit frühesten Anfangstagen – als Originalsänger Eric Saner nach dem ersten Demo die Fliege machte – hat sich das Line-Up grundlegend geändert. Neben Troy Sanders, Bill Kelliher und Brann Dailor wird die Band nun durch Nick Johnston als neuer Leadgitarrist und dem Brasilianer João Nogueira als Keyboarder komplettiert, wobei letzterer bereits seit 2021 live mit der Band unterwegs war und auch schon auf dem Vorgänger „Hushed & Grim“ zu hören war.
Neues Blut und alte Härten
Nach diesem letzten überlangen Mammutalbum hat „Marrow Deep“ zumindest 20 Minuten weniger auf der Brust und kommt auf eine Laufzeit von etwas über einer Stunde. Immer noch viel, aber immerhin ein Stück weniger erschlagend. Das gilt auch für die einzelnen Songs, die meist zwischen vier- und fünfeinhalb Minuten angesiedelt sind. In seiner Grundausrichtung geht das Album auch wieder tendenziell metallischer und ruppiger und mit mehr roher Riff-Power zu Werke, wie die ersten Songs bereits sehr deutlich machen.
„Barbarians Blood“ eröffnet das Album kraftvoll, aggressiv, kompakt, aber gewohnt unvorhersehbar, mit einem massiven Mainriff und starken Vocals von Troy Sanders. Die harte Ausrichtung mit der richtigen Balance aus vertrackter Sperrigkeit und melodischer Catchiness zieht sich auch in den folgenden Stücken fort. Mit den beiden Vorabsingles „Your Ghost Again“ und ganz besonders dem fantastischen „Snakes for Dinner“ werden dann auch die großen, melodischen Refrains ausgepackt, für die Brann Dailors sanfte, hohe Stimme wie gemacht ist. Keyboarder João Nogueira als festes Bandmitglied erweist sich als perfekte Ergänzung und fügt dem Sound eine neue, erfrischende Dimension hinzu. Selten super aufdringlich, wenn er aber das Rampenlicht einnimmt, kann man sich auf großartige Soloeinlagen freuen. Die gibt es auch von Neu-Gitarrist Nick Johnston zu hören. Dieser hat riesige Fußstapfen auszufüllen und schafft es, den Stücken absolut stilsicher und songdienlich seinen eigenen Stempel aufzudrücken.
Der vakante Posten am dritten Mikrofon bleibt unberührt. Da Hinds auf „Hushed & Grim“ aber bereits kaum noch am Gesang zu hören war, konnte man sich immerhin besser auf sein Fehlen einstellen, auch wenn es dennoch unweigerlich schmerzt. Gerade Troy Sanders kann dafür mit einigen seiner stärksten Gesangsleistungen glänzen, und zwar in rauen, harten, wie in soften Momenten. So auch im melancholisch-melodischen „In the Ruins“, welches als eines der absoluten Glanzstücke der Platte heraussticht. Noch ruhiger und geradezu wunderschön wird es in „Moth and Bone“, ehe auch die Nummer sich steigert und in bandtypisch proggig-vertrackte, harte Gefilde abdriftet.
Reichlich Starpower
Und so sehr Mastodon auf diesem Album die Heaviness zelebrieren – weit mehr als noch auf dem Vorgänger – scheinen es vor allem die Stücke zu sein, die es etwas ruhiger angehen, die mich hier besonders zu packen vermögen. So nämlich auch „The Vanishing“, dass sich angenehm viel Zeit lässt und sich als wahrer Atmosphäre-Hammer entpuppt. Der Gesangseffekt in den Strophen lässt unweigerlich an Black Sabbaths „Planet Caravan“ denken und verstärkt die geradezu hypnotische Stimmung. Wie passend, dass man sich für das Stück niemand geringeres als Geezer Butler höchstpersönlich ins Studio geholt hat. Gojiras Joe Duplantier darf hier in den Backing Vocals ebenfalls mitmischen.
Auch neben Butler und Duplantier liest sich die Gästeliste auf „Marrow Deep“ beeindruckend: 20 Jahre nach „Colony of Birchmen“ schaut Josh Homme für das Outro von „Snakes for Dinner“ wieder im Studio vorbei. Auf „Barbarians Blood“ ist Ben Koller von Converge zu hören. Dessen Bandkollege Nate Newton taucht zusammen mit Randy Blythe (Lamb of God) in „A Vampire’s Demeanor“ auf. Als bei der Albumankündigung von einer großen Riege an Featuregästen die Rede war, hatte ich bereits die leise Hoffnung, man würde sich wie im Klassiker „Blood and Thunder“ endlich wieder Neil Fallon von den großartigen Clutch ins Boot holen. Und man höre da: Im letzten Song „The Three Fates“ – dem längsten, komplexesten Stück des Albums – leiht der charismatische Frontmann einem Spoken (oder eher Yelled) Word-Part seine unverwechselbare Stimme, wie nur er es kann. Die zahlreichen Gastbeiträge fügen sich super organisch in die Songs ein und wirken nie wie Fremdkörper des puren Namedroppings wegen. Auf diesem Album hat alles seinen logischen, wohlverdienten Platz.
Fazit
Mastodon standen mit ihrem neunten Album vor einer riesigen Herausforderung und meistern diese mit Bravour, und das natürlich auf musikalisch gewohnt höchstem Niveau. Bedenkt man, wie roh und holprig das Ganze mal angefangen hat, hat sich Troy Sanders über die Jahre zu einem super charakteristischen Top-Sänger entwickelt. Live mögen er und Dailor vielleicht nicht immer 100% treffsicher sein, im Studio überzeugen beide jedoch auf ganzer Linie. Vielleicht sogar mehr als je zuvor. Dailors Schlagzeugspiel ist eh wie immer absolut beeindruckend und Bill Kelliher ist einer der prägnantesten Riff-Schmiede im modernen Metal. So weit, so bekannt. Die Neuzugänge Johnston und Nogueira fügen sich perfekt ins Gesamtbild ein und waren eine exzellente Wahl, die der Band neue Wege eröffnen.
Dynamik wird auf „Marrow Deep“ besonders groß geschrieben und die Stücke bewegen sich mühelos zwischen Laut und Leise, zwischen hässlich und schön, zwischen sperrigen Prog-Ausflügen und großer Eingängigkeit mit Ohrwurm-Faktor. Exemplarisch dafür steht das ungleiche Produzenten-Duo aus dem Schweden Patrik Beger, der eher für seine Arbeiten mit Charli xcx oder Taylor Swift bekannt ist und aus Converge-Gitarrist Kurt Ballou – seines Zeichens Spezialist für harte (High on Fire) und noch härtere (Nails) Töne. Hier kommt alles in einem absolut stimmigen Gesamtbild zusammen und der facettenreiche Sound der Platte ist wahrlich top-notch.
Mastodon haben mit ihrem neuen Album voll ins Schwarze getroffen und warten mit einigen fantastischen Stücken voller Emotionen und großer musikalischer Klasse auf. Besonders „Moth and Bone“, „In the Ruins“, „Snakes for Dinner“ und „The Vanishing“ haben es mir angetan, aber auch dazwischen gibt es viel tolles Zeug zu entdecken.
Cover & Tracklist
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01 Barbarians Blood (4:37)
02 Poisonous Weapons (5:00)
03 Your Ghost Again (4:35)
04 Snakes for Dinner (4:57)
05 Out like a Lamb (5:38)
06 In the Ruins (5:37)
07 They’re Coming for You (5:14)
08 Golden Spires (5:39)
09 Moth and Bone (4:46)
10 A Vampire’s Demeanor (4:50)
11 The Vanishing (6:43)
12 The Three Fates (7:47)
Mehr Infos
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Bildnachweis: Loma Vista Recordings.
+ Neues Line-Up fügt sich perfekt ein
+ Starke Gesangsleistung
+ So hart wie lange nicht mehr
+ Tolle Produktion
+ Stimmige Gastbeiträge
- Moshcheck
