Gorod Interview: Julien über „The Ember Gone“
Die französische Tech-Death-Institution Gorod steht kurz vor der Veröffentlichung ihres achten Studioalbums The Ember Gone (28. August 2026 via Base Productions / Season of Mist). Im Gespräch mit Moshpit Passion spricht Sänger Julien über den langen Entstehungsprozess, den bewussten Schritt weg von klassischen Blastbeats, neue Experimente mit Clean Vocals und die Balance zwischen technischer Komplexität und Zugänglichkeit.
Der Auslöser: Von der geplanten Progressive-EP zum kompletten Album
Der Grundstein für The Ember Gone wurde bereits vor der Corona-Zeit gelegt. Einige Riffs und Ideen existierten schon lange, ursprünglich als Grundlage für eine progressive EP – ähnlich wie bei Transcendence (2011). Nach dem Release von The Orb (2023) entschied sich die Band, daraus ein vollständiges progressives Album zu machen.
„Es war herausfordernd, und warum nicht wirklich durchziehen?“, erzählt Julien. Die letzten Kompositionen entstanden teilweise erst wenige Tage vor den Aufnahmesessions. Hauptschreiber Mathieu Pascal arbeitete wie immer: zuerst Drum-Patterns, dann improvisierte Gitarrenlinien, die typischerweise in Harmonie laufen – das Markenzeichen von Gorod.
Der entscheidende Unterschied diesmal: weniger Blastbeats und „techie“-Passagen, dafür stärkere afrikanische Rhythmen und Groove. Die Schreibweise blieb im Kern gleich, der Prozess dauerte jedoch länger als üblich.
Was blieb, was sich verändert hat
Der charakteristische Gorod-Sound mit den harmonisierten Twin-Gitarren blieb erhalten. Neu ist der Fokus auf frische Rhythmik und ein insgesamt zugänglicheres Songwriting. „Wir wollen nicht verraten, woher wir kommen – wir sind Death Metal. Aber wir wollen eine größere Crowd erreichen und nicht ewig in der Garage bleiben“, so Julien.
Es geht um die schwierige Balance: melodischer, mit mehr Groove und Chorussen, aber ohne die technische Essenz und den eigenen Groove zu verlieren. Wer genau hinhört, erkennt die DNA der frühen Alben – nur in einer weniger extremen Form. Die Songs klingen oft einfacher, sind live aber weiterhin ein „Albtraum“.
Momente, die es so noch nie gab
Besonders beim Track „Devise“ (je nach Tracklist Position 2 oder 3) passierte etwas Neues. Die Band experimentierte mit Clean Vocals im 70er-Jahre-Stil – ohne Autotune, dafür mit Echo und Call-and-Response. Dazu ein ungewöhnlicher Odd-Time-Riff mit afrikanischem Touch und Groove.
„Das war das Weirdeste auf dem ganzen Album für mich“, sagt Julien. Auch bei „Forgiveness“ (mit dem epischen Video) wurde lange an der richtigen Balance der Clean-Vocals gearbeitet – energiegeladen, aber authentisch. Der Aufwand für relativ kurze Passagen war enorm, bereut wird es jedoch nicht. Die Band will in Zukunft noch weiter an Grenzen gehen, gleichzeitig aber auch wieder zu extremeren, „klassischen“ Tech-Death-Elementen zurückkehren können.
„Remains“ – der persönlichste Song
Julien hebt den Abschlusstrack „Remains“ hervor. Er ist emotional der tiefste Moment des Albums und endet mit einem starken Climax. Hier fließen Einflüsse aus Julias Kindheit ein: französische Chanson-Tradition, Gypsy-Jazz und Bebop. Bestehende Zitate wurden mit eigenen Texten vermischt.
Thematisch dreht sich alles um die Frage, was nach uns bleibt. Bezüge zu den Mythen von Pandora (die Hoffnung bleibt als Letztes) und Prometheus (Weisheit) spielen eine Rolle. „Es ist wie ein Zyklus – Kindheit, Gegenwart, was bleibt, wenn wir weg sind.“ Musikalisch episch und für Julien der Track, der ihn am meisten berührt.
Entwicklung als Musiker und Songwriter
Über die Jahre versucht Gorod, zugänglicher zu werden, ohne die eigenen Wurzeln zu verleugnen. Weniger extreme Parts, mehr Melodie und Groove – aber die Songs bleiben komplex. „Wenn man sie spielt, ist es immer noch ein Albtraum wie am Anfang.“
Persönlich treibt Julien die Suche nach einer reiferen Form von Aggression: die Energie der Teenager-Jahre behalten, aber mit der Weisheit von Leuten, die inzwischen über 40 (teilweise nahe 50) sind. „Wir können nicht mehr wie wütende Kids klingen, das wäre cringe. Wir wollen die Balance aus Teenager-Energie und Elder-Wisdom.“ Das Ziel ist Musik, die junge Hörer immer noch wütend und motiviert, ältere Hörer aber als klug und durchdacht empfinden. Diese „perfekte Balance“ bleibt ein endloses Werk – und genau das hält die Motivation hoch.
Was Fans mitnehmen sollen
Extreme Tech-Death-Fans, die auf Dauer-Blastbeats hoffen, werden enttäuscht: Es gibt nur einen kurzen Blastbeat ganz am Ende. Juliens Rat: Gebt dem Album eine zweite und dritte Chance. Die harmonisierten Gitarren, die melodischen Linien und der typische Gorod-Groove sind immer noch da – nur anders behandelt. „Es ist immer noch genau dasselbe Gorod, nur auf andere Weise.“ Und wer es am Ende nicht mag: Die Band wird auch später wieder extremere Sachen machen.
Live 2026
Gorod geht im September auf die erste Tour zum neuen Album (u. a. mit Allegaeon und Abysmal Dawn). Es gibt mehrere Deutschland-Termine, darunter den Auftritt beim Euroblast in Köln. Weitere Europatouren sollen folgen.
The Ember Gone erscheint am 28. August 2026. Tracklist: Signs, Devise, Forgiveness, Regret, Crimson, Ignite, Ember, Remains.
Vielen Dank an Julien für das offene und spannende Gespräch – und an Kjo/ Moshpit Passion für das Interview. Wir sehen uns hoffentlich bald auf der Bühne in Deutschland!
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