mondlichtschatten – VERITAS ODIUM PARIT (VÖ: 16.10.2026)
Mit seinem Debütalbum „VERITAS ODIUM PARIT“ legt das Hannoveraner Soloprojekt mondlichtschatten gleich ordentlich vor. 13 Stücke, rund 74 Minuten Spielzeit und ein Konzept, das sich irgendwo zwischen Vergänglichkeit, menschlichen Abgründen und apokalyptischen Visionen bewegt. Kleine Brötchen backen sieht jedenfalls anders aus. Hinter dem Projekt steht Lucas Millbrodt, der sich offenbar einiges vorgenommen hat und seine musikalischen Vorstellungen nicht gerade in ein handelsübliches Drei-Minuten-Korsett pressen möchte.
Der Albumtitel, übersetzt etwa mit „Wahrheit erzeugt Hass“, ist dabei mehr als eine dekorative lateinische Worthülse. Er verweist auf einen Konflikt, der sich durch die menschliche Geschichte zieht: die unangenehme Erkenntnis, dass Wahrhaftigkeit nicht zwangsläufig auf Gegenliebe stößt. Ein durchaus passender Ausgangspunkt für ein Album, das sich mit Verlust, zwischenmenschlichen Beziehungen und dem Ende vermeintlicher Gewissheiten beschäftigt.
Symphonic Metal mit schwarzer Seele
Stilistisch bewegt sich mondlichtschatten zwischen Symphonic Metal, Dark Metal und Black Metal. Orchestrale Arrangements, unterschiedliche Gesangsformen und eine ausgeprägt düstere Grundausrichtung sollen dabei eine eigene Klangwelt erschaffen. Das klingt zunächst nach einer Mischung, die durchaus funktionieren kann, allerdings auch ihre Tücken mitbringt. Gerade im symphonischen Metal ist die Versuchung groß, jedes musikalische Motiv mit möglichst viel Pathos, Dramatik und orchestraler Opulenz zu überfrachten. Entscheidend ist deshalb nicht die Menge der eingesetzten Elemente, sondern deren dramaturgischer Nutzen. Ein orchestrales Arrangement sollte Spannung erzeugen und nicht lediglich die ohnehin schon vorhandene Bedeutungsschwere unterstreichen. Gleiches gilt für die Verbindung von klarem Gesang und harschen Vocals. Beide Ausdrucksformen können sich hervorragend ergänzen, sofern sie nicht nur als vorhersehbare Kontrastmittel eingesetzt werden. Dass mondlichtschatten diese stilistischen Gegensätze miteinander verbinden möchte, ist jedenfalls ein ambitionierter Ansatz.
Dreizehn Kapitel zwischen Traum, Untergang und Absurdität
Schon die Tracklist macht deutlich, dass hier offenbar nicht einfach eine beliebige Ansammlung einzelner Songs präsentiert werden soll. „AlptRaum“, „Und in der Nacht“, „Wenn die Gezeiten enden“ und „Wo die Tränen fallen“ deuten zunächst eine persönliche, melancholische Erzählrichtung an. Mit „Veritas odit moras“ folgt ein weiterer lateinischer Titel, der sinngemäß ausdrückt, dass die Wahrheit Verzögerungen nicht duldet.
Spätestens bei „Heller als tausend Sonnen“ wird die thematische Dimension deutlich größer. Der Titel weckt unweigerlich Assoziationen an die zerstörerische Kraft nuklearer Explosionen und die Fähigkeit des Menschen, seine eigene Existenzgrundlage infrage zu stellen. Besonders reizvoll sind die ungewöhnlicheren Titel. „Pelagia Noctiluca“ bezeichnet eine leuchtende Quallenart, während „Croatoan“ auf das bis heute rätselhafte Verschwinden der Roanoke-Kolonie verweist. Zwei Motive, die unterschiedlicher kaum sein könnten, aber beide eine starke visuelle und erzählerische Wirkung entfalten.
Mit „Die Weltuntergangsmaschine“ und „Die Nebel der Schöpfung“ scheint schließlich die ganz große Bühne betreten zu werden. Hier stehen nicht mehr nur persönliche Schicksale im Mittelpunkt, sondern offenbar existenzielle Fragen nach Anfang und Ende. Dass das Album mit „Porno Friday“ schließt, ist dann allerdings eine bemerkenswerte Volte. Nach all der angekündigten Schwermut und metaphysischen Schwere darf man sich durchaus fragen, ob hier schwarzer Humor, bewusste Provokation oder ein ironischer Bruch mit den eigenen Ansprüchen dahintersteckt. Gerade dieser Kontrast könnte dem Konzept eine interessante zusätzliche Ebene verleihen. Ein Album, das sich ausschließlich in seiner eigenen Bedeutungsschwere gefällt, läuft schließlich Gefahr, irgendwann unfreiwillig komisch zu werden.
74 Minuten sind eine Ansage
Die Laufzeit ist für ein Debütalbum durchaus beachtlich. 74 Minuten bieten reichlich Raum, um unterschiedliche Stimmungen und Erzählperspektiven zu entwickeln. Gleichzeitig ist diese Länge eine Herausforderung. Ein geschlossenes Konzeptalbum benötigt mehr als eine gemeinsame Themenwelt und passende Songtitel. Es braucht einen nachvollziehbaren Spannungsbogen, eine sinnvolle Gewichtung seiner Kapitel und genügend musikalische Abwechslung, damit die Aufmerksamkeit nicht unterwegs verloren geht. Gerade bei einer Mischung aus Symphonic Metal und Black Metal ist die Balance entscheidend. Zu viel Bombast kann die Härte entschärfen, zu viel Schwarzmetall die melodische Seite in den Hintergrund drängen. Die eigentliche Kunst besteht darin, beide Pole nicht einfach nebeneinanderzustellen, sondern zu einem schlüssigen Ganzen zu verbinden.
Ein Debüt mit Anspruch und offenen Fragen
Lucas Millbrodt hat mit mondlichtschatten ein Projekt auf die Beine gestellt, das zumindest konzeptionell über den üblichen Rahmen einer selbst produzierten Metalveröffentlichung hinausgehen möchte. Die deutschsprachige Ausrichtung, die ungewöhnliche Titelauswahl und der erzählerische Anspruch sorgen für eine erkennbare Identität. Auch die erfolgreiche Crowdfunding-Kampagne mit 19 Unterstützern und 1.255 Euro bei einem Finanzierungsziel von 1.000 Euro zeigt, dass das Vorhaben bereits vor der Veröffentlichung Menschen erreichen konnte. Was bleibt, ist ein Debüt, das mit einer ungewöhnlichen Themenvielfalt und einem ausgesprochen ambitionierten Konzept auf sich aufmerksam macht. Die Mischung aus persönlicher Melancholie, mythologisch anmutenden Bildern und Endzeitmotiven bietet reichlich Stoff für ein interessantes Album.
VERITAS ODIUM PARIT ist damit zunächst ein bemerkenswert ambitioniertes Debütprojekt, das sich nicht mit kleinen Ideen zufriedengibt.
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