Wacken Open Air 2026 – Der Freitag
Auch der Freitag bot auf dem diesjährigen Wacken Open Air eine feine Auswahl traditioneller Metal – Bands wie z.B. Judas Priest oder Saxon. Doch über allem schwebte die allerletzte Show von Running Wild, die mich ambivalent zurück ließ… Aber dazu später mehr!
Vreid
Extreme – Metal aus Norwegen... So kann man gut in den Tag starten. Nach dem Tod des Windir-Sängers Valfar entschloss sich Bassist Hváll, eine neue Band zu gründen… das Ergebnis: Vreid! Bei schönstem Sonnenschein wurden einem die düstersten Riffs und Texte um die Ohren geblasen. Hierbei wurde sich hauptsächlich beim jüngsten Output „The Skies turns black“ bedient. Die Band konnte trotz der sonnigen Begleitumstände Spannung und Atmosphäre aufbauen und bestach durch exzellente Bühnenpräsenz. Beim Song „Loving the Dead“ wurde die Band mit weiblichem Gesang von Agnete Kjølsrud (Djerv) unterstützt. Als plötzlich Chris Pontius (Jackass) die Bühne stürmte und Faxen machte, wähnte man sich in einem Fiebertraum… der unpassendste Moment des Wacken-Festivals.
Grand Magus
Grand Magus spielten ihren Stiefel souverän runter, ohne Höhen und Tiefen. Irgendwie sprang der Funke nicht über, obschon die Setlist aus allen Klassikern der Band bestand. Entweder lag es an der noch frühen Stunde oder der Unterkühltheit, mit der die Band den Fans entgegentrat. Oder es war einfach beides.
Paradise Lost
Heiko: Eigentlich sollte es verboten sein, diese Band bei strahlendem Sonnenschein spielen zu lassen. Immerhin bedeutet das aber, dass ich endlich mal gute Fotos von einer meiner absoluten Lieblingsbands schießen konnte!
Nachdem ich gerade erst im Frühjahr in den erneuten Genuss der englischen Gothic-Legenden gekommen war, hat man zum Glück nochmal etwas an der Setlist geschraubt und präsentierte hier ein grandioses Best-Of-Set. Wunschlos glücklich wird man bei 17 Alben und einer Stunde Spielzeit natürlich niemals werden, doch hat man eine runde – wenn auch nicht sehr Death-Doom-lastige – Songpalette aufgefahren, die mich wieder in völlige Fan-Ekstase versetzen konnte. Evergreens wie „Hallowed Land“, „As I Die“, „Embers Fire“ oder „One Second“ können nicht anders, als mich mitzureißen und zum lauthalsen Mitsingen anzuleiten. Die Songs der neuen Scheibe schlagen sich neben den Klassikern wunderbar und daneben packte man auch das großartige Cover des Bronski Beat-Klassikers „Small Town Boy“ aus, dass live super funktioniert.
Deafheaven
Heiko: Und noch eine Band, die eigentlich in die völlige Dunkelheit gehört: Deafheaven. Seit ihrem großen Durchbruchs-Album „Sunbather“ wohl das Feindbild Nr. 1 eines jeden Vollblut-Black-Metallers. Und alleine dafür muss man den Amis einfach Respekt zollen. Doch auch das, was die Truppe auf der Bühne auffährt, ist wirklich aller Ehren wert. Atmosphärisch, verträumt, gleichzeitig verdammt aggro und vor allem LAUT. Und laut sollte es auch bleiben…
Pig Destroyer
Heiko: Direkt im Anschluss ging es dann mit brutalstmöglichem Lärm weiter. Was für eine total bekloppte Vollzerstörung! Pig Destroyer sind seit jeher eine konstante Größe im Grindcore und ihre Performance ließ absolut keinen Zweifel daran. Irre Blast-Attacken, kaputtes Gebrülle und das pure musikalische Chaos. Danach ist erstmal runterkommen angesagt.
Saxon
Saxon sind eine sichere Bank. Ein wirklich schlechtes oder langweiliges Konzert der Band gibt es gar nicht. Gestählt durch jahrzehntelange Routine absolvieren die Briten gehobene Kost und halten die Fahne des True Heavy Metal oben. So auch an diesem Freitag in Wacken: Mit einer Setlist gespickt mit Klassikern der Band wird sofort der Nerv der feierwütigen Fans vor der Bühne getroffen. Biff ist nach seiner kürzlich gut überstandenen OP in Bestform und zeigte, zu was man mit 75 Jahren noch imstande ist.
In Flames
Heiko: Nach Paradise Lost eine weitere Band, die für mich persönlich sehr, sehr hoch angesiedelt ist. In erster Linie gilt das für den Output der 90er Jahre. Dieser findet im Live-Set der Schweden in der Regel eher wenig Beachtung, weswegen man definitiv auch Fan der späteren Alben sein sollte, um eine In Flames-Show wirklich genießen zu können. Glücklicherweise kann ich mich auch mit modernen In Flames – vor allem mit der letzten Scheibe, „Foregone“ – sehr gut anfreunden und konnte so ein eineinhalbstündiges Hitfeuerwerk erleben.
„Colony“ als Einstieg war dabei – theoretisch – eine geniale Wahl, die ich leider nicht genießen konnte, da der Sound im Fotograben aus nichts als reinem, undefinierbarem Tieffrequenz-Gewummer bestand… Immerhin gab es für die Old-School-Herzen später mit „Artifacts of the Black Rain“ noch einen fantastischen alten Schinken auf die Ohren. Selbst „Clayman“ war lediglich mit dem Evergreen „Only for the Weak“ vertreten.
Halb so wild, wenn auch die restliche Songauswahl so sehr ins Schwarze trifft. „Voices“, „Paralyzed“, „The Quiet Place“, „Trigger“ oder „Alias“ sind einfach irre gute Livesongs und auch die Stücke des extrem starken letzten Albums zünden gewaltig. Die zahlreichen riesigen Moshpits, die sich in der unglaublichen Menschenmenge bildeten, sprechen für sich.
Judas Priest
Heiko: Endlich konnte ich die britischen Legenden von meiner Bucketlist streichen. Und das mit einer so fantastischen Show! Keine einzige Ansage, keine lange Pausen, einfach ein Hit nach dem Nächsten, und das mit so dermaßen viel Power und einem wirklich fetten Sound. Was Rob Halford mit 74 Jahren noch für eine extrem starke Performance abgibt, ist wirklich beeindruckend. Das Alter sieht man ihm mittlerweile vielleicht an, aber hören tut man es ganz sicher nicht. „The Priest will be back“ heißt es am Ende und das glaube ich jeder Zeit. Nach dieser Show fühlt es sich jedenfalls nicht so an, als sei das Ende dieser weit über 50-jährigen Karriere in greifbarer Nähe.
Die Setlist hätte zwar für meinen Geschmack weniger „British Steel“, und dafür mehr „Painkiller“ und „Defenders of the Faith“, vertragen können, aber sei es drum. Ob „The Sentinel“, „Lightning Strikes“, „Hell Bent for Leather“ oder „Halls of Valhalla“: Was die alten Herren hier auf die Masse losgelassen haben, ist ganz großes Kino. Auf diesem Level hat eine alte Legacy-Band abzuliefern!
Running Wild
Da war er also nun: der Moment, in dem Running Wild live Geschichte sein werden. Zwar gab es ja bereits 2009 in Wacken eine „Last Show ever“, aber irgendwie hatte man es Rock n´ Rolf damals nicht so richtig abgenommen. Drei Alben später stehen wir anno 2026 nun also wieder vor der Frage: Haut Rolf live in den Sack oder nicht? Ich glaube, dieses mal war´s wirklich final… und das ist auch gut so.
Der Gig von Running Wild verleitete mich zu ambivalenten Gefühlen: Einerseits freute ich mich darauf, noch ein letztes Mal Klassiker der Band live zu erleben. Andererseist waren die letzten Auftritte der Band für einen langjährigen Fan auch schwer erträglich. So auch dieses Mal: Rock n´ Rolf tat Rock n´ Rolf Dinge. Dass er in 40 Jahren auf der Bühne nicht gelernt hat, das Publikum zu animieren: geschenkt. Aber beim letzten Konzert ever bei der Songauswahl derart daneben zu liegen ist schon wieder eine Kunst. Rapid Foray mit zwei uninteressanten Songs vertreten, „Dead Mans Road“ – unerträglich, 5 Minuten – Drumsolo – schlimm. Zwischendurch schlichen sich gute Phasen ein, als würdige Klassiker zelebriert wurden.. Auch wenn man von der überambitionierten Lichttechnik daran gehindert wurde auch nur ein bisschen was auf der Bühne sehen zu können. Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum nicht für diesen allerletzten Gig der Fan zu Wort kommen konnte um über die Setlist mitzuentscheiden… dann wären 8-9 Songs nicht zu hören gewesen. Naja einige Klassiker entschädigten ein bisschen, unterm Strich bin ich aber froh, dass jetzt Schluss ist mit der Ego – Show.
Alcest
Meine Güte ist das eine schöne Musik. Nein, sogar wunderschöne Musik. Alcest live ist ein Hörerlebnis erster Güte, dass man sich nicht entgehen lassen darf. Reduziert, aufs Wesentliche fokussiert, klar und doch verträumt. 8 Songs webten eine Stunde lang einen Klangtteppich in dem man sich zu vorgerückter Stunde verlor… nur um bereinigt und beflügelt wieder aufzutauchen. Als die letzten Klänge von „Autre Temps“ verklangen, wünschte man sich zurück an den Anfang des Sets. Eskapismus wunderschün vertont… live noch intensiver als auf Platte.
Sepultura
Heiko: So gerne ich mir Alcest angesehen hätte: Das letzte Deutschland-Konzert von Sepultura konnte ich mir nicht entgehen lassen! Dafür war bis zur Show um 1 Uhr Nachts eine Menge Durchhaltevermögen nötig, aber es hat sich verdammt nochmal gelohnt. Das Negative vorab: Die fürchterlichen (eindeutigen) A.I.-Videos, die jeden Song visuell untermalen sollten, sind einfach ärgerlich und dazu auch noch wahnsinnig hässlich. Sowas muss – besonders für eine Band diesen Kalibers – einfach nicht sein.
Abgesehen davon, haben die Brasilianer eine verdammte Hammershow mit einer nahezu perfekten Setlist hingelegt. Der Einstieg mit dem Thrash-Brecher „Inner Self“, gefolgt vom furiosen „All Souls Rising“ von der neuen EP, hatte es in sich. Auch das ruhige „Beyond the Dream“ und das vertrackt-progressive „The Place“ konnten live überzeugen. Neben den modernen Hits „Kairos“ und „Means to an End“ waren es aber vor allem die alten Klassiker, die hier dominierten. „Desperate Cry“, „Arise“, „Refuse/Resist“, „Territory“,… Nicht umsonst bis heute absolute Monstersongs, die mit ungeheurer Power von allen Beteiligten abgefeuert wurden. Das obligatorische, groovige Schlussdoppel aus „Ratamahatta“ und „Roots Bloody Roots“ brachte dann zu sehr später Stunde nochmal ordentlich das Infield zum Beben.
Und mit diesem (fast) würdigen Abschied einer persönlichen Lieblingsband ging dann auch mein Wacken 2026 zu Ende.
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Bildnachweis: WOA Festival GmbH.
